Echter Lein |
Knospen, Blüten und Samenkapseln des Echten Leins
Lein ist eine der ältesten Nutzpflanzen der Menschheit. Seit mehr als 9000 Jahren befindet sich er sich bereits in Kultur. Er gehörte zu den ersten Pflanzen, die im Fruchtbaren Halbmond, dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris und Umgebung, angebaut wurden.
Bereits seit 7000 v. Chr. sind Reste von Kleidungsstücken aus Leinengewebe aus dem alten Ägypten bekannt – das gleiche Material, mit dem die Ägypter 3500 Jahre später ihre mumifizierten Pharaonen bandagieren sollten. In Europa hielt der Lein vor ca. 6000 Jahren, also in der Jungsteinzeit (Neolithikum) Einzug.
Im Lauf der Geschichte bildeten sich durch menschlichen Einfluss aus dem zweijährigen wilden Lein zahlreiche einjährige Zuchtformen und Sorten heraus. Anfangs wurde er vermutlich sowohl zu Nahrungszwecken als auch zur Fasergewinnung verwendet, aber durch gezielte Zucht entstand über einen großen Zeitraum hinweg der langstielige Faser-Lein sowie Sorten, die besonders viele Blüten ausbildeten, die zudem verhältnismäßig große Samen entwickelten.
Neben Wolle, Hanf und Nessel war Lein in Mitteleuropa lange Zeit eine sehr wichtige Textilfaser. Wäsche und Kleidung wurde aus ihm hergestellt und nicht zuletzt die berühmte Leinwand. Zu Beginn der frühen Neuzeit wurde er aber zunehmend durch importierte Baumwolle verdrängt. Ca. 1960 kamen zudem die synthetischen Fasern auf den Markt. Erst wieder seit 1980, als das ökologische Bewusstsein und damit die Nachfrage anstieg, erlebt der Faserlein-Anbau eine wenn auch recht bescheidene Renaissance.
Leinfasern werden heute noch verwendet:
- zur Herstellung von Kleidungsstücken für Allergiker und Umweltbewusste
- als Dämmstoffe
- als Rohstoff für die berühmten geklöppelten Brüsseler Spitzen
Öl-Lein wird größtenteils in Nordamerika angebaut. Aus seinen Samen wird das Leinöl gewonnen, das vielseitige Verwendung findet:
- mit Pigmenten versetzt wird es zu Ölfarben verarbeitet, da es schnell trocknet
- wegen seiner wasserabweisenden Eigenschaft wird es als Holzschutzmittel eingesetzt
- da es als „hautfreundlich" gilt, findet es in Seifen und Kosmetika Gebrauch
- wegen seines hohen Gehalts an Omega-3-Fettsäuren erfreut es sich zunehmender Beliebtheit als Speiseöl
Die Leinsamen an sich werden:
- Brot und Müsli zugesetzt
- als natürliches Abführmittel gehandelt
Der Presskuchen, also das Abfallprodukt der Leinölproduktion wird:
- als Viehfutter verwendet
- als heißer Umschlag bei Gallenleiden eingesetzt
- als natürliche Pflanzendüngung auf Feldern ausgebracht.

Die lanzettlichen, spitzen und sitzenden Blätter von Linum usitatissimum sind grasartig
Man darf also behaupten, dass Linum usitatissimum auch heute noch usitatissimus ist, was soviel wie „überaus nützlich" bedeutet.
Die Redensart „ohne Flachs", die soviel wie „im Ernst" bedeutet, hat ihren Ursprung in der Verarbeitung des Faser-Leins, die vornehmlich von Frauen bewerkstelligt wurde. Während des anstrengenden und oft langweiligen Arbeitsprozesses, dem sog. „Flachsen", scherzten die Arbeiterinnen zu ihrer Unterhaltung oft miteinander.
Historische Veröffentlichungen
Der Echte Lein wird schon in den hippokratischen Schriften (4.–1. Jh. v. Chr.) erwähnt. So würde Leinsamen eine stopfende Wirkung besitzen und würde z. B. gegen Beschwerden wie Katarre, Unterleibsschmerzen und Durchfall empfohlen. Auch in der Bibel wird Lein oder Flachs an mehreren Stellen genannt.
Theophrast (371–287 v. Chr.) behauptete, möglicherweise durch die grasartigen Blätter von Linum usitatissimum beeinflusst oder weil er ein häufiges Ackerbeikraut war, Lein könne sich in Lolch (Lolium) verwandeln.
Plinius (ca. 23–79 n. Chr.) widmete das gesamte 19. Buch seiner Naturalis historia dem Lein und der Kultur von Gartenpflanzen.
Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) beschreibt verschiedene heilkundliche Anwendungen des Leins. Er soll Geschwüre und Sonnenbrand kurieren, als Aphrodisiakum wirken, Durchfall auslösen und als Sitzbad Gebärmutterentzündungen heilen.
Hildegard von Bingen (1098–1179) behauptete, dass der Leinsamen nicht zum Essen tauge. Sie empfahl ihn ausschließlich in Wasser gekocht als warmen Umschlag bei Schmerzen in der Seite und bei Brandwunden.
Leonhart Fuchs (1501–1566) schrieb über zahlreiche medizinische Anwendungen des Leinsamens. Darüber hinaus erwähnte er, der Flachs müsse „viel Plag und Marter leiden, ehe er dahin kommt, dass Tuch daraus gemacht würd".